alter_hofAlter Hof , © NEW IN THE CITY

Die ersten Neumünchner kamen vor tausend Jahren an die Isar. Seitdem hat der Ort einen langen Weg durch die Zeit zurückgelegt, der mal ebenerdig und mal voller Schlaglöcher war. So ist mit den Jahrhunderten aus dem kleinen Dorf eine erwachsene Stadt geworden - mit Narben, vielen Traditionen, einer bewegten Vergangenheit. Begleite uns auf einer Zeitreise durch eine tausendjährige Geschichte...

Wer heute durch Bayerns Millionen-Metropole fährt, kann es sich kaum vorstellen: Ein Zeitreisender, der aus Münchens Innenstadt mit einem Schlag ins Jahr 500 n. Chr. zurückginge, würde mit seiner Zeitmaschine mitten auf einer grünen Wiese landen. Da wäre kein Haus, keine Straße, ja vermutlich kein Mensch zu sehen. Erst um die Jahrtausendwende würde der Mann aus der Zukunft überhaupt bemerkt werden und die ersten Münchner schickten bei seinem Anblick wahrscheinlich ein Stoßgebet in den Himmel - denn sie sind Mönche.

Das Benediktinerkloster Tegernsee errichtet an der Stelle des heutigen Münchner Stadtzentrums nämlich gerade ein kleines Filialkloster. Aus der Siedlung bildet sich bald das Dörfchen "Apud Munichen" (Bei den Mönchen). Als offizieller Stadtgründungstag gilt aber erst der 14. Juni 1158, als eine Brücke, die der Welfenherzog Heinrich der Löwe in Eigenregie über die Isar gespannt hat, von Kaiser Friedrich Barbarossa offiziell genehmigt wird. Da diese wirtschaftlich wichtige Brücke nahe bei dem kleinen "Munichen" liegt, kann sich der Ort gut entwickeln. So könnte unser Zeitreisender schon bei einem Zeitsprung in das Jahr 1175 innerhalb des ersten Mauerrings landen, der gerade um das Dorf errichtet wird. Der Ort ist jetzt rund 15 Hektar groß und hat erst 2500 Einwohner.

Doch mit der Zeit gewinnt das kleine München immer mehr an Bedeutung. 1180 wird Otto von Wittelsbach zum Herrscher über Bayern ernannt. Die Konsequenzen: Über Jahrhunderte würde ein Spaziergänger durch die Zeit nur Angehörige der Wittelsbacher Familie im bayrischen Herrscherhaus antreffen. Und sie sind es, die München zur Residenzstadt machen. Ludwig der Bayer wird im Jahr 1328 als erster Wittelsbacher sogar deutscher Kaiser. Unter seiner Herrschaft entsteht in München ein zweiter Mauerring und das Isartor. Das Stadtgebiet vergrößert sich auf rund 90 Hektar und zählt schon etwa 12.000 Einwohner.

Für den nächsten Besuch stellen wir die Uhr in unserer Zeitmaschine auf den Beginn des 16. Jahrhunderts: 1506 wird München nämlich Hauptstadt von ganz Bayern. Die 700 Geistlichen, die hier leben, bewegen Wilhelm IV. dazu, im Jahr 1516 ein Gebot für das Brauen von Bier in Kraft zu setzen: Ab jetzt darf das beliebte Getränk nur aus Hopfen, Malz und Wasser hergestellt werden. Allein ein Zeitreisender könnte herausfinden, ob das heutige Bier wirklich noch so schmeckt wie damals. Das Reinheitsgebot zumindest besteht in Deutschland noch immer und ist damit die älteste Lebensmittelvorschrift der Welt.

Weniger empfehlenswert ist ein Zeitsprung in das Jahr 1632. Im Zusammenhang mit dem 30-jährigen Krieg wird München von den Schweden besetzt und im Herbst reißt eine Pestepedemie 1.500 Menschen in den Tod. Also: Lieber die Uhr ein paar Jahre weiterstellen und den Bau von Schloss Nymphenburg verfolgen, das Kurfürst Ferdinand Maria im Jahr 1674 vor den Toren der Stadt für seine Frau errichten lässt - als Dank für die Geburt des gemeinsamen Sohnes Max Emanuel.

Doch die Zukunft des Jungen soll nicht so rosig werden wie der Garten des Landschlösschens verspricht: Max Emanuel verliert im spanischen Erbfolgekrieg. Ab 1705 wird München neun Jahre lang von österreichischen Truppen besetzt. Ein Aufstand am 25.12.1705 wird blutig niedergeschlagen. 3.000 Freiheitskämpfer kommen ums Leben und das Ereignis geht als "Sendlinger Mordweihnacht" in die Geschichte ein.

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts leben in München bereits rund 30.000 Menschen auf einer 1539 Hektar großen Fläche. 1777 besteigt Kurfürst Karl Theodor, der mit den Wittelsbachern nur entfernt verwandt ist, den Thron. Er ist so unbeliebt, dass sein Tod im Jahr 1799 in den Wirthäusern gefeiert wird. Dennoch sorgt er zehn Jahre zuvor dafür, dass Münchens Nachwelt sich lange an ihn erinnern wird: Karl Theodor lässt 1789 ein bisheriges Jagdgebiet in einen großen Stadtpark, den Englischen Garten, umwandeln. Um sich hier zu erholen, braucht man keine Zeitmaschine. Der Englische Garten ist noch heute ein beliebtes Ausflugsziel für Einwohner und Besucher der Stadt.

Wer einmal dem ersten bayrischen König oder gar dem französichen Kaiser Napoleon Bonaparte begegnen will, sollte auf seiner Reise durch das historische München am besten einmal in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts anhalten. 1800 besetzt Napoleon die Stadt. 1801 wechselt Noch-Kurfürst Max I. Joseph die Seiten und verbündet sich mit Frankreich. Ein Schachzug, der Stadt und Land einen großen Schritt vorwärts bringt. Eine moderne Verwaltung, eine fundierte Rechtsprechung und eine Verfassung werden eingeführt, Straßen und Plätze angelegt, kirchlicher Besitz wird verstaatlicht und Bayern wird 1806 selbstständiges Königreich - mit Max I. Joseph auf dem Thron.

München wächst weiter. Und in dieser Zeit wird eine Traditionsveranstaltung geboren, die inzwischen Weltruhm erlangt hat: das Oktoberfest. Im Jahr 1810 wird am Hochzeitstag des Kronprinzen Ludwig und seiner Braut Therese Charlotte Luise ein Pferderennen auf einer Wiese vor der Stadt veranstaltet. Das Fest kommt so gut an, das es jährlich wiederholt und immer weiter vergößert wird. Der Veranstaltungsort bekommt schließlich den Namen der Braut und trägt ihn heute noch: die Theresienwiese.

Die drei Könige, die nacheinander im 19. Jahrhundert regieren, machen München im Laufe der Zeit zur modernen Großstadt. So wird die alte bayrische Universität nach München verlegt, die Stadt erhält 1840 ihre erste Eisenbahnlinie nach Lochhausen und die erste Linie des öffentlichen Nahverkehrs. Es entstehen die Ludwig- und die Maximilianstraße, der Königsbau und der Festsaalbau der Residenz, der Königsplatz, die Alte Pinakothek, die Ruhmeshalle und die Bavaria-Statue über der Theresienwiese sowie der Münchner Hauptbahnhof. 1854 werden die ersten Vororte eingemeindet, 1860 wird der erste Turnverein gegründet: der TSV 1860 München, der noch heute besteht. Besonders der sogenannte "Märchenkönig" Ludwig II., der 1864 bis 1886 regiert, macht wegen der Errichtung der Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof von sich reden.

1867 lässt er das Neue Rathaus am Marienplatz erbauen. Allerdings muss Bayern unter seiner Herrschaft nach dem deutsch-französischen Krieg dem Bismarckreich beitreten und verliert seine Souveränität. Trotzdem explodiert in München die Bevölkerungszahl. 1895 sind es schon 400.000 Einwohner, zur Jahrhundertwende fast 500.000. 1901 ist München nach Berlin und Hamburg die drittgrößte Stadt Deutschlands - und die erstsportlichste: der FC Bayern München, zu Beginn des Jahrhunderts gegründet, wird zum mitgliederstärksten deutschen Sportverein.

Dass in München bald nicht mehr die Bevölkerungszahlen, sondern die Bomben explodieren, weiß zunächst natürlich nur unser Zeitreisender. Dabei stehen die Chancen auf Ersatzteile für seine Zeitmaschine in der Vorbereitungszeit auf den Ersten Weltkrieg vermutlich nicht schlecht: Neben verschiedenen Waffenschmieden und einer Flugzeugwerft werden zu Rüstungszwecken die Bayerischen Motoren Werke (BMW) gegründet. Sollte dennoch jemand im München zwischen 1914 und 1918 stranden, keine Panik: Von direkten Kriegseinwirkungen bleibt die Stadt verschont. Die Überlebenschancen sind gut, solange man nicht als Soldat eingezogen wird. So sterben 13.000 Münchner auf den Schlachtfeldern.

Im August 1918 sollte man aber auch aus München wieder verschwunden sein. Die folgenden Jahre bis nach dem Zweiten Weltkrieg sind von Hungersnöten, Unruhen, Armut und Arbeitslosigkeit bestimmt. Nachdem am 7. November 1918 in München die Republik ausgerufen wird und der letzte bayrische König Ludwig III. flieht, sucht das Land nach einer politischen Ordnung. Revolutionen, Straßenkämpfe, Hitlers gescheiterte nationalsozialistische Revolution von 1923 - München kommt lange Zeit nicht zur Ruhe. Schließlich werden im Zweiten Weltkrieg 45 Prozent der Gebäude zerstört, fast 7000 Menschen kommen durch die Bombenangriffe ums Leben, rund 25.000 München sterben als Soldaten an der Front.

Während die Zahl der Einwohner im Krieg auf unter 400.000 gesunken ist, leben im Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland 1949 schon wieder fast 800.000 Menschen in der Stadt. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder lassen München über sich hinaus wachsen. Im Dezember 1957 überschreitet die Einwohnerzahl die Millionengrenze. In den 1960-er Jahren entsteht das S- und U-Bahn-Netz.

Ein Sportfan würde sich vermutlich am liebsten in die 1970-er Jahre beamen lassen: 1972 finden in München und Umgebung die XX. Olympischen Sommerspiele statt, die leider von dem Überfall arabischer Terroristen auf die israelische Mannschaft überschattet werden. Elf Sportler, fünf Entführer und ein Polizist sterben. Ohne derartige Zwischenfälle geht die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 über die Bühne. Mit einem 2:1-Sieg über die Niederlande wird Deutschland im Münchner Olympiastadion Weltmeister.

Heute zählt die Stadt über 1,3 Millionen Einwohner. Und zu Beginn des neuen Jahrtausends herrscht Aufbruchstimmung. Der Franz-Josef-Strauß-Flughafen im Erdinger Moos, der seit 1992 in Betrieb ist, gilt nach Frankfurt als zweitbedeutenster Flughafen Deutschlands. 1998 wurde die neue Messe auf dem ehemaligen Flughafengelände Riem eröffnet und mir ihr ensteht in Riem nach und nach ein komplett neuer Stadtteil. Zuletzt wurde hier ein großer Landschaftspark für die Bundesgartenschau 2005 angelegt.

Die für 280 Millionen Euro – extra für Fußball Weltmeisterschaft 2006 inDeutschland – errichtete und im Mai 2005 eröffnete Allianz Arena setzt ein weiteres Highlight in Münchens Landschaftsbild. Doch die Zeitreise geht weiter. Und jeder Neumünchner hat es in der Hand, die Zukunft der Stadt ein kleines bisschen mitzugestalten - mit dem Wissen im Hinterkopf, was aus einem kleinen Kloster und einer Brücke in fast 850 Jahren werden kann.

Stadtgeschichte in Zahlen –
die wichtigsten Stationen der Zeitreise

1158
Gründung Münchens an einer Isarbrücke
1214
Erstmalig urkundlich als Stadt bezeichnet
1240
München wird Residenzstadt der Wittelsbacher
1589
Eröffnung Hofbräuhaus
1705-14
Österreichische Truppen besetzen München
1806
München wird Hauptstadt des Königreichs Bayern
1810
Erstes Oktoberfest auf der Theresienwiese
1818
Bayern erhält eine Verfassung
1825-48
König Ludwig I. / München wird zur Kunststadt mit Weltruf. Es entstehen die Ludwigstraße, der Königsplatz, die Alte Pinakothek, die Ruhmeshalle und die Bavaria
1826
Universität zieht von Landshut nach München
1848-64
König Max II. Begründer des „Maximilianstils“ (Architektur)
1864-86
Märchenkönig Ludwig II., Blüte des Kunsthandwerks
1901
München hat 500.000 Einwohner
1911
Eröffnung Tierpark Hellabrunn
1939
Missglücktes Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller
1945
München wird von den Amerikanern besetzt
1957
15. Dez.: München hat eine Million Einwohner
1972
Olympische Sommerspiele in München
1974
Fußballweltmeisterschaft, Endspiel in München
1992
Eröffnung des „Franz-Josef-Strauß-Flughafens“
2005
Eröffnung der Allianz Arena
2006
Eröffnungsspiel der Fußball Weltmeisterschaft
2007
Fertigstellung des Jüdischen Zentrums am Jakobsplatz